Kündigung wegen Teilnahme an einem Bewerbungsgespräch trotz Krankschreibung nicht möglich

In Zeiten des Personalmangels möchten Arbeitgeber ihre Leute gern behalten und gute Fachkräfte an – oder auch gern abwerben. Für Arbeitnehmer in der Pflege ist dieser Markt geradezu ein Paradies. Nicht selten bewerben sich Führungs- und Pflegefachkräfte aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis heraus bei anderen Einrichtungen, weil sie sich dort bessere Perspektiven erhoffen. Aber wie sieht es aus, wenn sich ein Mitarbeiter während einer Krankschreibung bei einem Konkurrenten zum Vorstellungsgespräch einfindet. Hierzu gibt es ein interessantes Urteil: 

Wer sich aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis bei der Konkurrenz bewirbt, hat keine Lust, dass dies an die große Glocke gehängt wird. Derjenige will, dass seine Bewerbung vertraulich behandelt wird. Sollte der eigene Arbeitgeber Wind von diesen Aktivitäten bekommen, ist dies doppelt unangenehm für den Arbeitnehmer. 

  1. wird er bei der Konkurrenz nicht genommen, dürfte er in der Gunst des Arbeitgebers deutlich sinken
  2. der Arbeitgeber verliert das Vertrauen und fragt sich, ob er die Zusammenarbeit überhaupt noch wünscht 

Das Landesarbeitsgericht (LAG) Mecklenburg-Vorpommern hatte einen Fall zu verhandeln, wo eine Führungskraft während einer Krankschreibung ein Bewerbungsgespräch bei einem anderen Unternehmen wahrgenommen hatte. Das Ganze kam ans Licht – als Folge erhielt die Führungskraft die fristlose Kündigung. Der Arbeitnehmer reichte darauf hin eine Kündigungsschutzklage ein und bekam Recht. 

Das LAG Mecklenburg-Vorpommern argumentierte im Kern wie folgt: 

  • Der reine Abwanderungswille stellt keinen Grund dar, der ohne weiteres eine Kündigung rechtfertigt
  • Solange ein Arbeitnehmer seine vertraglichen Pflichten erfüllt, kann er sich nach anderen Arbeitsfeldern umsehen
  • Nach Artikel 12 Grundgesetz besteht das Recht auf freie Arbeitsplatzwahl 

Eine Kündigung sei grundsätzlich nur zu rechtfertigen, wenn der Arbeitnehmer zu Gunsten einer zukünftigen Tätigkeit bei einem anderen Arbeitgeber vernachlässigen würde oder wenn der Arbeitgeber die Chance hat, für den abwanderungswilligen Arbeitnehmer eine andere Person einzustellen. Solche Umstände aber hat der beklagte Arbeitgeber nicht angebracht. 

Auch die Teilnahme an dem Vorstellungsgespräch während der Krankschreibung kann dem Arbeitnehmer nicht negativ ausgelegt werden. Der Kläger litt an einer Bewegungseinschränkung eines Armes. Das Vorstellungsgespräch kann aber in diesem Zusammenhang nicht als „gesundheitswidriges Verhalten“ eingestuft werden. Damit dürfte das LAG ein angemessenes, auf der Linie der höchstrichterlichen Rechtsprechung liegendes Urteil gesprochen haben. 

Eines muss aber angemerkt werden: Feiert ein Mitarbeiter krank, um bei der Konkurrenz ein Vorstellungsgespräch wahrzunehmen, ist das ehr wohl ein Kündigungsgrund.